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Die Welt ist mein Campus – Transformatives Lernen an gesellschaftlichen Fragestellungen

Die Welt ist mein Campus – Transformatives Lernen an gesellschaftlichen Fragestellungen

von Manuel Dolderer (CODE University + Uni Witten/Herdecke)Planung & Konzeption🇩🇪 Universität Witten/Herdecke, Alfred-Herrhausen-Str. 50, WittenUniversitätBachelor

Die Fakultät für Wirtschaft und Gesellschaft der Universität Witten/Herdecke entwickelt ihre Studiengänge grundlegend weiter – hin zu projektbasiertem, selbstgesteuertem Lernen an realen gesellschaftlichen Herausforderungen. In einer Dual-Track-Strategie werden bestehende Programme schrittweise transformiert und ein neuer Modellstudiengang "Leadership & Transformation" (Start WS 2028/29) entwickelt. Beide Wege konvergieren bis 2030 in ein einheitliches Lernkonzept.

Beschreibung

Ausgangslage: Warum diese Transformation? Die Universität Witten/Herdecke verfolgt seit ihrer Gründung 1983 einen besonderen Bildungsansatz: "Zur Freiheit ermutigen, nach Wahrheit streben, soziale Verantwortung fördern." Die Fakultät für Wirtschaft und Gesellschaft hat diese Prinzipien mit dem Motto "Unternimm Dein Studium", dem Mentorenfirmenkonzept und anderen besonderen Bildungsansätzen in der Vergangenheit erfolgreich umgesetzt. Doch aktuelle Entwicklungen machen eine grundlegende Weiterentwicklung notwendig: Erstens verändert Künstliche Intelligenz die Anforderungen an Absolvent:innen fundamental. Wenn KI Standardaufgaben übernimmt, werden menschliche Fähigkeiten wie Urteilskraft, Konfliktfähigkeit und Handlungsfähigkeit unter Unsicherheit zu den entscheidenden Kompetenzen. Klassische Wissensvermittlung allein bereitet darauf nicht vor. Zweitens müssen Hochschulen stärker denn je ihrem Auftrag nachkommen, Studierende zu verantwortlichem Handeln in der Demokratie zu befähigen – ein Auftrag, den die meisten Hochschulen nicht systematisch umsetzen. In Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung und der Erosion demokratischer Normen wird dieser Auftrag dringlich.

Was wir tun: Dual-Track-Strategie Die Transformation folgt zwei parallelen Entwicklungslinien: Track 1 – Evolution: Die bestehenden Studiengänge (Management, PPÖ) werden schrittweise zu projektbasiertem, selbstgesteuertem Lernen weiterentwickelt. Ab dem Sommersemester 2026 starten "Transformationskohorten" innerhalb der bestehenden Strukturen – Studierende, die als Pionier:innen neue Formate erproben und das Konzept aktiv mitgestalten. Track 2 – Innovation: Parallel entsteht ein von Grund auf neu konzipierter Modellstudiengang "Leadership & Transformation" (Ziel: WS 2028/29). Dieser setzt die Prinzipien transformativer Bildung konsequent um und dient als Prototyp für die gesamte Fakultät. Bis 2030 sollen beide Wege zusammenfließen: zu einer Fakultät mit einem einheitlichen Lernkonzept.

Theoretische Fundierung Das Lernkonzept basiert auf einem integrativen Zusammenspiel bildungswissenschaftlicher Ansätze:

  • Transformatives Lernen (Mezirow): Lernen als Erfahrung, die Perspektiven grundlegend verändert
  • Selbstwirksamkeitstheorie (Bandura): Überzeugung eigener Gestaltungskraft durch konkrete Erfolgserlebnisse
  • Selbstbestimmungstheorie (Deci & Ryan): Autonomie, Kompetenzerleben und soziale Eingebundenheit als Grundbedürfnisse Experiential Learning (Kolb): Erfahrungsbasierte Lernzyklen Inner Development Goals (IDG): Rahmenwerk für innere Entwicklung als Grundlage gesellschaftlicher Transformation HoF Policy Paper (Henke/Pasternack 2025): Vier Kernkompetenzen für demokratische Handlungsfähigkeit

Darüber hinaus knüpft das Vorhaben bewusst an die über 40-jährige Wittener Didaktiktradition an – von der Gründungsphase (Kienle/Kappler) über das Humboldtsche Ideal und sokratische Methoden bis hin zum Studium fundamentale. Die Transformation versteht sich als Erneuerung, nicht als Bruch.

Das Kompetenzmodell Vier Kernkompetenzen bilden das Rückgrat des Studiums:

Urteilsfähigkeit (inkl. Ambiguitätstoleranz): Komplexe Sachverhalte methodisch analysieren und bewerten – auch dort, wo kein erprobtes Lösungswissen existiert Konfliktfähigkeit: Interessengegensätze aushalten, moderieren und durch begründete Entscheidungen auflösen Handlungsfähigkeit unter Unsicherheit: In widersprüchlichen, ambivalenten Situationen fundierte Entscheidungen treffen AI Literacy: KI als Werkzeug kompetent einschätzen und einsetzen, ihre Grenzen verstehen

Lernprogression und Assessment Projekte bilden das Zentrum des Studiums, eingebettet in eine dreistufige Lernprogression:

Beginner Projects: Vorgegebene Strukturen, Project Templates, klare Leitfragen – Assessment durch Portfolio mit formativem Feedback Intermediate Projects: Mittlere Komplexität, mehr Freiheit, Methodentransfer – Assessment durch Projektpräsentation und Reflexionspapier Advanced Projects: Hohe Autonomie, forschendes Lernen, Umgang mit Ambiguität – Assessment durch integriertes Portfolio und öffentliche Präsentation

Diese Projekte werden ergänzt durch Fachveranstaltungen, Methodenkurse und das Studium fundamentale als dritte Säule. Ein Micro-Degree-System (Pi-Shaped-Kompetenzmodell) ermöglicht individuelle Profilbildung entlang persönlicher Missionen.

Neue Lehrendenrollen Die Transformation der Lehrendenrolle ist der größte Hebelpunkt. Klassische Dozentenbilder entwickeln sich hin zu komplementären Funktionen:

Learning Designer: Gestaltung von Project Templates und Lernpfaden Facilitator: Prozessbegleitung in Projekten Assessor: Formatives und summatives Feedback Researcher: Einbringung wissenschaftlicher Perspektiven und forschendes Lernen

KI-gestützte Lerninfrastruktur Eine duale KI-Architektur unterstützt individualisiertes Lernen:

Personal Learning AI: Individuelle Lernpfadadaptation, Erkennung von Wissenslücken, Projektempfehlungen Domain Knowledge AI: Fachspezifische Tutoren, rund um die Uhr verfügbar

Die technische Basis bildet Moodle (maximale Transferierbarkeit), ergänzt durch eigene On-Premise-Hardware. Umfassende Guardrails (Transparenz, Bias-Audits, DSGVO-Konformität, Opt-out) gewährleisten verantwortungsvollen Einsatz. Entscheidend: Die KI ist ein Hebel, kein Fundament. Das Transformationskonzept steht auch ohne KI-Plattform auf einem soliden didaktischen Fundament.

Partizipative Entwicklung Studierende sind von Beginn an als Mitgestalter:innen eingebunden: in Steuerungsgremien, in eigenen Arbeitsgruppen und über ein Mitgestalter:innen-Stipendium.

Wirkung & Ergebnisse

Stand: März 2026 – das Projekt befindet sich in der Vorbereitungsphase. Wir berichten daher über bisherige Prozessergebnisse und erste Wirkungen, nicht über summative Outcomes.

Konzeptionelle Ergebnisse

Kompetenzrahmen "Das Wittener Profil" (v0.2): Strukturiertes Dokument mit vier Kernkompetenzen, dreistufiger Lernprogression, Micro-Degree-System und empirischer Fundierung (SEB Skills/BESSI-G-45). Wurde bewusst als Work-in-Progress mit offenen Fragen zur Co-Creation im Professorium eingebracht.

Modellstudiengangs-Konzept "Leadership & Transformation": Vollständige Konzeptbeschreibung mit Curriculum-Framework, Governance-Struktur, KI-Architektur und Akkreditierungsfahrplan (Ziel: WS 2028/29).

Herausforderungen

Fakultätskultur und Akzeptanz Die größte Herausforderung ist der Kulturwandel innerhalb der Fakultät. Nicht alle Lehrenden teilen die Überzeugung, dass projektbasiertes Lernen bessere Ergebnisse liefert als bewährte Vorlesungsformate. Die Transformation der Lehrendenrolle – vom Wissensvermittler zum Learning Designer und Facilitator – berührt professionelle Identitäten. Wir haben gelernt, dass dies nicht durch Überzeugungsarbeit allein gelingt, sondern durch konkrete positive Erfahrungen. Die Dual-Track-Strategie ist auch eine Antwort darauf: Sie ermöglicht schrittweises Einsteigen statt disruptiver Umstellung.

Kompetenzmodell vs. Operationalisierung Die Unterscheidung zwischen messbaren Skills und qualitativen Werten/Ethos erfordert eine explizite Zwei-Ebenen-Architektur im Kompetenzmodell. In frühen Versionen haben wir beides vermischt, was im Professorium zu Verwirrung führte. Die Erarbeitung konkreter Rubrics für Kompetenzen wie "Urteilsfähigkeit" bleibt eine offene konzeptionelle Herausforderung – es gibt dafür keine etablierten Vorbilder im deutschsprachigen Hochschulraum.

Bürokratisierung vs. strukturierte Freiheit Ein wiederkehrendes Spannungsfeld: Projektbasiertes Lernen braucht Struktur (Templates, Rubrics, Prozesse), darf aber nicht in Verwaltungslogik ersticken. Die dreistufige Lernprogression ist auch ein Versuch, dieses Paradox zu bearbeiten – nicht aufzulösen. Verwaltungsprozesse (Prüfungsamt, Studierendensekretariat, Campus-Management) sind für standardisierte Module optimiert; die Anpassung an flexible, individualisierte Lernpfade erfordert erheblichen Entwicklungsaufwand.

Kommunikation und Framing Wir haben gelernt, dass Marketingsprache bei unserer Kernzielgruppe kontraproduktiv wirkt. Faktische, transparente, selbstkritische Kommunikation baut mehr Vertrauen auf. Gleichzeitig braucht die Transformation nach außen eine erzählerische Kraft, die über nüchterne Prozessdokumentation hinausgeht. Diesen Balanceakt gestalten wir fortlaufend.

Technologie als Hebel, nicht als Versprechen Die KI-gestützte Lernplattform ist ambitioniert. Die Pilotphase mit eigener Hardware und Open-Source-Software ist bewusst so angelegt, dass ein Experimentierraum entsteht. Aber die Erwartungssteuerung nach innen und außen bleibt schwierig: Weder dürfen wir die KI zum Heilsversprechen aufblasen noch ihre Möglichkeiten kleinreden.

Zeitdruck und Parallelität Mehrere parallele Arbeitsgruppen, Akkreditierungsvorbereitung, erste Kohorte, Fundraising, Kommunikation – und all das mit begrenzten Ressourcen. Die Gefahr der Überdehnung ist real. Wir begegnen ihr mit Sprintzyklen, klaren Priorisierungen und der Bereitschaft, einzelne Workstreams bewusst zu verlangsamen, wenn die Qualität leidet.

Tipps für andere

Transformation als Erneuerung, nicht als Bruch framen, Nicht, weil das Alte schlecht ist, sondern weil die Welt sich verändert. Wenn es an Ihrer Institution eine Gründungstradition gibt, die zum transformativen Ansatz passt – nutzen Sie sie. Wir positionieren die Transformation als Rückkehr zu den Gründungsprinzipien der UW/H unter 21.-Jahrhundert-Bedingungen, nicht als Abkehr vom Bestehenden. Das ist keine rhetorische Strategie, sondern eine inhaltliche Überzeugung – und es senkt den Widerstand bei denjenigen, die sich dem Bestehenden verbunden fühlen. Lehrende ernst nehmen – die Rollenveränderung ist der größte Hebelpunkt In unserer Analyse war die Veränderung der Lehrendenrolle die am häufigsten kodierte Kategorie. Neue Rollen (Learning Designer, Facilitator, Assessor, Researcher) brauchen konkrete Beschreibungen, Weiterbildungsformate und Schutzräume zum Erproben. Die Transformation gelingt nicht gegen das Kollegium, sondern nur mit ihm.

Mit Studierenden entwickeln, nicht für Studierende Studierende als Mitgestalter:innen einzubinden ist mehr als Beteiligung – es ist gelebte transformative Bildung. In unserem Transformationsprozess haben Studierende volles Stimmrecht. Das ist manchmal langsamer, aber die Ergebnisse sind robuster und die Akzeptanz höher.

Dual-Track schafft Sicherheit Wer bestehende Programme parallel weiterentwickelt und gleichzeitig Neues entwirft, schafft Fallback-Optionen und reduziert institutionelles Risiko. Die beiden Tracks befruchten sich gegenseitig: Erkenntnisse aus der Pilotierung fließen in den Modellstudiengang, bewährte Elemente aus bestehenden Programmen stabilisieren das Neue.

Marketingsprache vermeiden Reformpädagogisch sozialisierte Zielgruppen und akademische Kolleg:innen reagieren allergisch auf werbliche Überhöhung. Faktische, transparente Kommunikation mit explizit benannten offenen Fragen und Risiken baut mehr Vertrauen auf als polierte Erfolgsnarrative. Markieren Sie offene Punkte als Einladungen zur Co-Creation, nicht als Lücken.

Design-Based Research als Governance-Prinzip Der DBR-Ansatz (iterativ, evidenzbasiert, partizipativ) eignet sich nicht nur als Forschungsmethode, sondern als Steuerungslogik für die gesamte Transformation. Er legitimiert das Unfertige, strukturiert das Experimentieren und liefert die Sprache, um in akademischen Gremien über Pilotierung zu sprechen, ohne dass es nach Planlosigkeit klingt.

Links & Ressourcen